Wie hast du die Woche mit den Kindern erlebt? Was hat dich besonders überrascht?
Die Projektwoche im KinderKunstLabor war eine intensive und gleichzeitig inspirierende Zeit für mich. Die teilnehmenden Kinder haben künstlerisch viel experimentiert und ihre eigenen Bilderbuch-Geschichten gestaltet. Vor allem die Eigenartigkeit ihrer Geschichten und ihre bildnerischen Lösungsansätze überraschten mich immer wieder. Zum Beispiel kreierte ein Kind eine Bildszene, in der die emotionale Veränderung einer Protagonistin durch ein klappbares Faltpapier – ähnlich einem Pop-up – dargestellt wurde. In einem anderen Buch, in dem es um das Kunstmachen ging, wurden ganz unterschiedliche Materialien und künstlerische Techniken miteinander verbunden. Beeindruckt hat mich auch, wie fokussiert die Kinder arbeiteten, wenn sie in ihrem Workflow waren. Manchmal wollten sie sogar ohne Pause an ihrem eigenen Buch weiterarbeiten. Und ich fand es durchaus überraschend, dass die Kinder in ihren Ferien eine ganze Woche lang bereits um acht Uhr morgens zum Workshop kamen und mit so viel Interesse dabei waren. Ich denke, dass dabei auch das KinderKunstLabor mit seinen Spiel- und Bewegungsmöglichkeiten für die Pausen eine wichtige und anziehende Rolle gespielt hat.
Wie sind die Kinder in dieser Woche von einer Idee zu einem eigenen Buch gekommen? Kamen zuerst die Bilder oder die Geschichte?
Bevor die Kinder ihre eigenen Bilderbuch-Geschichten entwickelten, haben wir spielerisch mit unterschiedlichen künstlerischen Techniken experimentiert – unter anderem mit Monotypie, Mixed Collage und Aktionsmalerei. Außerdem gab es kurze Übungen zur Bild- und Geschichtenerfindung.
Zum Beispiel entwickelten wir ausgehend von einem zufällig ausgewählten Wort eine kurze Bildgeschichte. Oder die Kinder gestalteten aus aufgeklebten Papierschnipseln Figuren und bildnerische Szenen. Solche assoziativen Praktiken und das viele Experimentieren haben ihnen bei der Ideenfindung geholfen.Ob zuerst die Bilder oder die Geschichte da waren, lässt sich nicht einheitlich beantworten. Bei manchen Kindern flossen Bild und Wort zusammen, manche Bücher bestanden nur aus Bildern, andere Kinder bevorzugten es, zuerst die Geschichte zu schreiben.
Einige hatten schon zu Beginn des Workshops eine bestimmte Geschichte im Kopf, die sie umsetzen wollten. Bei den meisten entwickelte sich die Geschichte jedoch erst im Prozess. Wie bei jedem kreativen Prozess waren die Wege sehr unterschiedlich und individuell.
Was kann ein Bild erzählen, was sich vielleicht gar nicht so leicht in Worte fassen lässt?
Das ist eine komplexe Frage, über die es sich lohnt, länger nachzudenken. Ein Bild besitzt mehrere Ebenen gleichzeitig: Form, Farbe, Material, Komposition und vieles mehr. Es kann schon beim Betrachten unmittelbar Emotionen auslösen. Wörter können das ebenfalls, aber auf eine andere Art und Weise als Bilder.
Gerade von Kindern gestaltete Bilder besitzen oft sehr komplexe Ebenen. Erfahrung bringt dabei nicht unbedingt nur Vorteile, denn Kinder verfügen bereits über ein breites Spektrum an Gestaltungsmöglichkeiten. Erfahrung mit künstlerischen Techniken und Wissen über Kunst spielen dabei mitunter eine untergeordnete Rolle und können manchmal sogar begrenzend wirken. Bedeutend ist vielmehr etwas sehr Intuitives, eine Art verborgenes Wissen des Menschen und der Natur. Wenn Kinder sich schriftlich ausdrücken, benötigen sie dafür bestimmte Werkzeuge und Erfahrungen. Beim Gestalten von Bildern stehen ihnen dagegen – gerade im Kindesalter – große Freiheiten und viele Ausdrucksmöglichkeiten offen.
Was können Erwachsene von der Art, wie Kinder Geschichten und Bilder denken und erfinden, lernen?
Die kreativen Verbindungen, die Kinder sehr schnell herstellen, sind inspirierend. Sie nähern sich einem Thema spielerisch an und sind häufig sehr experimentierfreudig. Meiner Meinung nach ist diese ungezwungene Art für die Erfindung von Geschichten und Bildern essenziell. Außerdem können Kinder Unsicherheiten oder Blockaden oft schnell überwinden. Wenn sie an einem Punkt nicht weiterkamen, gaben sie nicht gleich auf. Sie machten um der Geschichte willen weiter – weniger aufgrund äußerer Einflüsse. Ihre eigene Motivation war entscheidend. Diese Beobachtungen beziehen sich natürlich auf unseren gemeinsamen Prozess, können aber auch für andere kreative Prozesse gelten. Darüber hinaus bleiben die Kinder sich bei dem, was sie tun, treu. Das macht ihre Geschichten und Bilder authentisch. Und letztendlich scheint mir besonders wichtig: Die Kinder genießen den Prozess und haben Spaß dabei. All das – und noch viel mehr – können wir von und mit Kindern lernen.