ReGenerativa Auftaktveranstaltung 2025
ReGenerativa. Resonanzen
Zur Auftaktveranstaltung der Zukunftsplattform ReGenerativa im KinderKunstLabor, 19. November 2025 in Kooperation mit dem künstlerischen Leiter der ReGenerativa DDr. Christoph Thun-Hohenstein
Ausgangspunkt und Zielsetzung
Mit der Auftaktveranstaltung der Zukunftsplattform ReGenerativa im KinderKunstLabor St. Pölten wurde ein Format erprobt, das Regeneration als kulturelle, wahrnehmungsbezogene und imaginative Aufgabe begreift. Im Zentrum stand die Frage, wie Kinder – gemeinsam mit Künstler:innen, Vermittler:innen und Begleitpersonen – über ästhetische Praxis Zugänge zu Themen wie Nachhaltigkeit, Kreisläufen, Natur, Material und Zukunftsfähigkeit entwickeln.
Die Veranstaltung richtete sich sowohl an Schulklassen und Familien wie auch an Fachpublikum und Stakeholder. Ziel war es, Impulse aus künstlerisch-praktischen Prozessen zu gewinnen und zugleich ein experimentelles Setting zu schaffen, das künftig ein Prototyp für längerfristige Formate im Rahmen von ReGenerativa sein kann.
Format und Ablauf
In ihren Begrüßungsreden entfalteten Christoph Thun-Hohenstein, Künstlerischer Leiter der ReGenerativa, Mona Jas, Künstlerische Leiterin des KinderKunstLabor, und Hermann Dikowitsch, Leiter der Abteilung Kunst und Kultur beim Amt der NÖ Landesregierung in Vertretung von Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner, die Kooperation zwischen ReGenerativa und KinderKunstLabor in ihrer inhaltlichen wie institutionellen Tragweite. Zugleich schärften sie den programmatischen Horizont der Auftakt-Werkstätten zu Kreisläufen, Wald, Wasser, Textilien sowie Tieren und anderen Spezies.
Kern der Veranstaltung bildeten fünf offene Werkstätten, die Künstler:innen und Designer:innen konzipiert und gemeinsam mit den Kindern durchführten. Am Vormittag arbeiteten Schulklassen in den Werkstätten, am Nachmittag öffneten sich diese für Familien. Zwei inhaltliche Impulse mit der Künstlerin Veronika Dirnhofer und Michael Stavaric rahmten den Tag; ergänzt wurde das Programm durch ein gemeinsames „Feed Forward“, in dem erste Beobachtungen und Perspektiven gebündelt wurden.
Die Werkstätten waren bewusst nicht in Form didaktischer Stationen organisiert, sie waren offene ästhetische Versuchsanordnungen. Sie waren damit Räume des Erkundens, Gestaltens und gemeinsamen Nachdenkens.
Die Werkstätten als ästhetische Forschungsfelder
Kreisläufe (Ronja Grossar)
Was ist unter Kreisläufen zu verstehen, im biologischen und technischen Umfeld? Welche Bedeutung haben Kreisläufe für Regeneration und den Umgang mit Nachhaltigkeit, Biodiversität sowie digitalen Technologien einschließlich künstlicher Intelligenz?
Ausgehend von der Frage nach biologischen, technischen und hybriden Kreisläufen arbeiteten die Kinder in der Werkstatt mit Ronja Grossar im „einen Labor“ mit sehr unterschiedlichen Materialien. Maiskolben, Schlackestein, Baumpilze, Myzelplatten, 3D-Druck-Filament aus PLA und mehr waren auf Leuchttischen im Raum verteilt. [Abb. ESEL6769, JAS1102, JAS1123]. Diese Objekte übernahmen die Funktion von „Denkpartner:innen“.
Die Kinder verglichen, befühlten, beschrieben und zeichneten die Materialien und begannen, über Übergänge und Transformationen zu spekulieren: Wie wird aus Mais Kunststoff? Was ist Schlacke? Wie verhalten sich natürliche und industrielle Stoffe zueinander? [Abb. ESEL5395, ESEL5415].
Die Kinder überlegen, woher die Materialien kommen. Ein Kind hatte sich ein großes, steinartiges Objekt ausgesucht - die Gruppe diskutierte - alle waren fest davon überzeugt, dass es Kohle sein müsse, beschreibt die begleitende Kunstvermittlerin Lia Quirina ihre Eindrücke. Sie überlegten, so Lia, woher die Kohle komme - aus verbranntem Holz? Oder aus Stein abgebaut? Später löste Ronja Grossar auf, dass es ein Schlacke-Stein ist - Abfall aus dem Metallrecycling.
Zwei Kinder saßen vor getrocknetem, ungebranntem Ton, einer Keramik-Tasse und Keramikscherben. Gemeinsam überlegten sie, beschreibt Lia Quirina das Geschehen, wie die Materialien hießen. Sie kannten das deutsche Wort dafür nicht, aber auf anderen Sprachen, „Clay!".
Erkenntnis entwickelte sich hier durch sinnliche und vergleichende Praxis. Deutlich wurde, dass Kinder zirkuläre Logiken sehr intuitiv erfassen können – auch wenn die Zeit für eine vertiefte gemeinsame Reflexion knapp war.
Wald / dream.lab (Andreas Hoffer)
Ausgehend von Mari hi - Baum der Träume – einem Yanomami-Mythos für Kinder von Hannah Limulja mit Illustrationen von Gustavo Caboco – arbeiteten Jugendliche gemeinsam an einer großformatigen Zeichnung eines Baumes. Die Werkstatt von Andreas Hoffer in der Kinderbibliothek im 3. OG basierte auf der Ausstellung dream.lab der renommierten brasilianischen Künstlerin Rivane Neuenschwander im KinderKunstLabor. Gemeinsam sollte ein Baum zeichnerisch mit Kohle, Grafit und Bleistift auf dem mit Papier ausgelegten Boden der Bibliothek skizziert werden. Im Weiteren konnten die Teilnehmenden ihre Wünsche und Träume für sich und für die Natur formulieren und auf ihren gezeichneten Baum anbringen. Zwei Gruppen bildeten sich, die „Stamm“- und die „Krone“-Gruppe. [Abb. ESEL5532]
Der Prozess begann strukturiert und ging zunehmend in eine freie, kollektive Bildfindung über. Zeichnen wirkte vor allem als sozialer Prozess: ein Mittel, eine Gruppe in eine gemeinsame ästhetische Handlung zu führen. Im zweiten Schritt lud Andreas Hoffer die Jugendlichen ein, ihre Wünsche und Hoffnungen aufzuschreiben. Ein:e Teilnehmende:r schrieb in großen Buchstaben direkt auf das Plakat, „Du musst nicht immer schön sein, weil das ist in dir.“. [Abb. JAS1109] Andere schrieben auf Zettel Wünsche wie, „Städte voller Bäume.“ Die Teilnehmenden falteten viele ihrer Kommentare – ein Zeichen für die Intimität der Inhalte. [Abb. JAS1096]
Neben allgemeinen ökologischen und gesellschaftlichen Hoffnungen traten sehr persönliche Ängste und biografische Belastungen zutage. Der Workshop eröffnete damit einen affektiven Raum, in dem Kunst zum Medium der Artikulation und der symbolischen Verhandlung von Lebenswirklichkeit wurde.
Wasser (Herwig Turk)
Im „anderen Labor“ waren eine Videoprojektion und eine große Arbeitsfläche mit Naturmaterial aufgebaut. Drumherum konnten sich die Kinder auf Kissen hinsetzen. Herwig Turk begann mit einem Vortrag mit Fotografien und Landkarten rund um das Thema Fluss. [Abb. ESEL5280].
Wie ist der Fluss in der Natur aufgebaut? Wie kennen wir ihn in Österreich? Die meisten teilnehmenden Kinder kamen aus Tulln an der Donau und hatten daher gleich einen starken Bezug zum Thema. Ein Video zeigte etwa Würmern, die sich unter Wasser bewegen. Die Kinder waren fasziniert und ließen sich voll Freude auf das weitere Geschehen ein. Sie stürzten sich förmlich auf die Materialien: Äste in verschiedenen Größen, Blattwerk, Rinde, Wolle und vom Team im KinderKunstLabor hergestellter Bio-Kleber. [Abb. ESEL5809; ESEL5980] Ausgehend von den Bildern, Karten und Videos zu Flüssen und Wasser in seiner Bedeutung für Lebensräume entwickelten die Kinder eigene Objekte. Boote, Botschaften und Miniaturlandschaften aus Naturmaterialien und einfachen Werkstoffen entstanden. [Abb. ESEL5856, ESEL5863, JAS1115, JAS1118, JAS1119].
Der Übergang von der Betrachtung zur eigenen Gestaltung übersetzte Wissen in Handlung. Die entstandenen Arbeiten waren Denkinstrumente, mit denen die Kinder ihre Beziehung zu Flüssen, Landschaften und ökologischen Zusammenhängen verhandelten. Auch hier zeigte sich: Ästhetische Praxis ist ein Medium der Weltbeziehung – konstitutiv.
Textilien (Karin Oèbster)
Die Textilwerkstatt im Archipelago verband Fragen der Mode – „Fast Fashion“, Produktion und Fachwerkstoffen mit praktischer Gestaltung.
Es gab offene Arbeitsbereiche am Boden und auf den Treppen des Archipelago mit exquisiten Stoffen, Scheren, Wollsorten, Seiden- und Baumwollbändern. Nähmaschine, Nadeln, Stecknadeln und Bügeleisen waren Teil einer Station betreut von Karin Oèbster. [Abb. ESEL5645, ESEL5581] Basierend auf ihren eigenen Schnitten bot sie hier den Teilnehmenden die Möglichkeit, Oberteile selbst zu produzieren. [Abb. ESEL5690, ESEL5629, ESEL5637] Für interessierte Erwachsene standen ausgewählte Dokumentationen über Fast Fashion, jeweils verteilt auf mehreren I-Pads zur Verfügung. [Abb. ESEL5618] Für alle zum Mitnehmen waren „Handbücher“ gedruckt zu allen verwendeten Fasern in der Mode.
Der Kontrast zwischen einer Gruppe 12-jähriger Schüler:innen und einer jüngeren Hortgruppe war für Karin Oèbster dabei besonders aufschlussreich. Die älteren Kinder arbeiteten überwiegend zögerlich und stark aneinander orientiert. Im Lauf des Workshops sonderten sich dann zwei „Aussenseiter“ der Gruppe ab. Sie produzierten etwas Eigenständiges und Fantasievolles. [Abb. ESEL5585, ESEL5586] Im Vergleich dazu begegneten die jüngeren Kinder einer anderen Gruppe alle gleichermaßen dem Material offen, spielerisch und intuitiv. Gestaltung wurde hier zu einem Erfahrungsfeld, in dem gesellschaftliche Prägungen sichtbar wurden – durch Praxis. Ästhetisches Tun erschien damit als implizite Form der Kritik und Selbstvergewisserung.
Tiere, Pflanzen, Pilze (Kay Walkowiak)
Ausgehend von der Frage, was Menschen von nicht-menschlichen Lebewesen über Regeneration lernen können, entwickelten die Kinder Behausungen, hybride Wesen und spekulative Lebensformen. Dabei verhandelten sie spielerisch, aber ernsthaft Fragen von Koexistenz, Lebensräumen und Abhängigkeiten.
Die Werkstatt mit Kay Walkowiak im Andreasraum bot dazu eine Fülle an Materialien an. Papiere mit Struktur, Verpackungskartons mit Rillen, Waben, Cut outs oder als Rolle, in Grau-, Braun- und Grüntönen, Bindfäden, Kreppbänder und weitere Materialien lagen bereit. Am Anfang der Werkstatt beschrieben die Kinder mit Kai Walkowiak gemeinsam Tiere, die entlang von Flüssen und konkret im Donauraum leben und wie deren „Wohnung“ aussieht. [Abb. ESEL5247]
Drei Kinder entwickeln im nächsten Schritt gemeinsam einen Biberbau mit flexiblen Verpackungskartonmatten und Äste. [Abb. ESEL5715] Einige Kinder zeichneten und arbeiteten an Behausungen, die die Tiere gleich mit sich tragen sowie Tieren, die fliegen. [Abb. ESEL6081, ESEL6086]. Die erwachsenen Begleitpersonen arbeiteten intensiv mit den Kindern zusammen. [Abb. ESEL6159, ESEL5728]. Diese Werkstatt öffnete explizit einen postanthropozentrischen Denkraum: Empathie, Spekulation und Modellbildung traten hier in Gestalt ästhetischer Erkenntnismodi hervor, in denen Zukunft erprobt wurde.
Übergreifende Beobachtungen und erste Erkenntnisse
Über alle Werkstätten hinweg zeigte sich, dass Kinder sehr direkt, ernsthaft und differenziert mit hochkomplexen Fragen von Nachhaltigkeit, Kreisläufen und Zukunft umgehen können – sofern diese nicht abstrakt, vielmehr material-, körper- und praxisbezogen verhandelt werden.
Wissen entstand in diesen Settings durch Tun, Wahrnehmen, Vergleichen, Scheitern, Neuversuchen und Erzählen. Zugleich wurde deutlich, wie entscheidend Zeit, Offenheit der Formate und eine gute Verzahnung von Schule, Vermittlung und künstlerischer Praxis für die Vertiefung solcher Prozesse sind.
Auffällig war auch die Rolle der Erwachsenen: Sie agierten eher in der Rolle von Mit-Lernenden und Begleitenden. Damit verschob sich das klassische Verhältnis von Expert:innentum und kindlicher Rezeption hin zu einer geteilten, situativen Wissensproduktion.
Theoretische Verortung: Ästhetische Erfahrung und Artistic Research
Die Auftaktveranstaltung von ReGenerativa lässt sich im Horizont von Theorien ästhetischer Erfahrung (u. a. John Dewey, Gernot Böhme, Martin Seel, Ursula Brandstätter) als erkenntnisproduzierendes Setting verstehen. Ästhetische Erfahrung erscheint in Gestalt eines leiblich-sinnlichen, materialgebundenen und sozial situierten Prozesses, in dem Weltbeziehungen neu organisiert werden.
Zugleich ist das Format klar im Feld von Artistic Research verortet: Künstlerische Praxis übernimmt die Funktion einer Methode der Erkenntnisproduktion. Die Werkstätten waren offene Versuchsanordnungen, in denen Material, Imagination, Körper und soziale Situation miteinander in Beziehung traten. Vermittlung ist dabei die Gestaltung von Möglichkeitsräumen – und damit eine Co-Produktion von Bedeutung.
ReGenerativa – Prototyp einer ästhetischen Zukunftsforschung
In der Gesamtschau kann die Auftaktveranstaltung wie ein Prototyp eines ästhetisch-forschenden Zukunftsformats gelesen werden. Regeneration erschien in der Form einer offenen Frage, einer Suchbewegung und eines experimentellen Prozesses.
Die Kinder bildeten dabei nicht die sogenannte Zielgruppe, sie übernahmen vielmehr die Rolle von Co-Forschenden. Ihre Weise, Material, Tiere, Wasser, Stoffe und Geschichten miteinander zu verknüpfen, verweist auf eine relationale, nicht-reduktionistische Weltsicht – eine zentrale Voraussetzung für jedes regenerative Denken.
ReGenerativa macht deutlich, dass ästhetische Erfahrung eine epistemische Infrastruktur für gesellschaftliche Transformation bildet, anders zu denken, anders zu fühlen und anders zu handeln. In diesem Sinn war die Auftaktveranstaltung ein Experimentalfeld – für eine Form von Vermittlung, in der Kunst, Forschung, Bildung und gesellschaftliche Imagination ineinander verschränkt operieren.
Wir bedanken uns bei DDr. Christoph Thun Hohenstein, dem Künstlerischen Leiter der Kulturellen Plattform ReGenerativa und seinem engagierten Team für die schöne Zusammenarbeit sowie bei allen beteiligten Kindern & Jugendlichen und Kunst- und Kulturschaffenden für die spannenden Impulse. Wir freuen uns auf die Fortsetzung und Vertiefung im Jahr 2026.